Bauforschung: Quellen über den Bau

_ von Claudia Mohn

 

I.

Das 20. Jahrhundert in bis dahin unbekanntem Ausmaß im Bauwesen mit neuen Materialien, Bauteilen und technologischen Prozessen experimentiert. Es vollzog sich eine grundlegende Veränderung von Herstellungsmethoden und -materialien: Traditionelles Bauen wurde zunehmend durch Industrialisierung und Normierung ersetzt, Holz und Stein von Stahl bzw. Stahlbeton, Aluminium und Glas verdrängt. Wie in keinem Jahrhundert zuvor waren Architekten, Ingenieure und Produzenten auch an einer theoretischen Auseinandersetzung interessiert, an einer Proklamierung und Diskussion ihrer neuen Ideen, Konstruktionssysteme und Produkte, so dass neben dem gebauten Objekt selbst, eine Vielzahl anderer Quellen über die Architektur existiert.

Für die unmittelbar am Bauwerk orientierten Arbeitsmethoden der historischen Bauforschung folgt daraus eine vermehrte Hinwendung zu den Quellen über das Haus. Zwar sind die Methoden der historischen Bauforschung weder von der Bauzeit des zu untersuchenden Objektes abhängig, noch ist die Beschäftigung mit Quellen über das Haus ein explizites Thema der Architektur des 20. Jahrhunderts. Neu ist jedoch die Vielfalt des Materials und damit einhergehend dessen Erschließungs- und Bewertungsmöglichkeiten.

Eine präzise Quellendokumentation und -aufarbeitung ist daher für die Instandsetzung von Baudenkmalen des 20. Jahrhunderts unerlässlich. Das Verständnis für die Qualitäten dieser Architektur und für die Möglichkeiten der Erhaltung der verwendeten Materialien und Konstruktionen gehören noch nicht zum alltäglichen Repertoire der Denkmalpflege. Deshalb bildet ein detaillierter Kenntnisstand über die gebauten Strukturen für alle beteiligten Fachplaner eine wesentliche Voraussetzung, um die Architektur bewerten und Konzepte für einen substanzschonenden Umgang entwickeln zu können.

II.

Die wichtigsten Quellen neben dem Objekt selbst stellen Pläne und Fotos dar. Planmaterial kann, angefangen von Katasterplänen über erste Entwurfskizzen, Ausführungspläne, Publikationszeichnungen bis hin zu Umbauplanungen, sehr aufschlussreich für Planungs-, Ideen- und Entwurfsgeschichte sowie für Bau- und Umbauprozesse sein.

Pläne sind dabei entsprechend ihres Entstehungszweckes zu bewerten: So bedürfen beispielsweise Ausführungspläne einer genauen Prüfung hinsichtlich der tatsächlichen Realisierung. Oftmals fanden kurzfristige Änderungen auf der Baustelle keinen zeichnerischen Niederschlag mehr, oder es wurden für Präsentations- oder Publikationszwecke Planbestände erstellt, die vom tatsächlich Gebauten abwichen.

Eine ähnlich kritische Quellenwürdigung ist auch bei Fotografien notwendig. Je nach Zweck der Aufnahme können mögliche Retuschen oder Kolorierungen ebenso wie die Wahl bestimmter Schrägsichten, extremer Standpunkte, der Einsatz einer raffinierten Lichtregie oder spezieller Objektive bzw. Filter den Eindruck vom realen Bauwerk beträchtlich verändern. [Abb. 1a, b] Mit der Einführung der digitalen Fotografie sind die Manipulationsmöglichkeiten fotografischer Aufnahmen beträchtlich erweitert worden.

Abbildung 1 a, b: Getreidesilo in Worms, Originalaufnahme und Retusche 1925.

Abbildung 1 a, b: Getreidesilo in Worms, Originalaufnahme und Retusche 1925.

Neben Plan- und Fotomaterial kann ein umfangreicher Schriftenbestand zur Verfügung stehen. Wesentlich sind Bauakten, die baupolizeiliche Gutachten, Ausschreibungen, Bauabnahmen, Rechnungen mit Hinweisen auf ausführende Firmen oder Handwerker, Bautagebücher und Ähnliches enthalten. Für Bauten der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts liegen oftmals noch Feuerversicherungsbücher vor, die neben der Nennung des Eigentümers und der Versicherungssumme häufig auch hilfreiche Beschreibungen etwa von Einbauten oder Ausstattung enthalten. Daneben können persönliche Dokumente, beispielsweise Briefe von Bauherren- und Architektenseite oder Tagebuchaufzeichnungen erhalten sein.

Befragungen beteiligter Zeitzeugen wie Architekten, Handwerker, Bauherren, Bewohner, Benutzer oder Gäste bieten ebenso wichtige Erkenntnisquellen. Auch hierbei ist ein kritischer Umgang mit den Erinnerungen der Beteiligten notwendig, zumal wenn diese mehrere Jahrzehnte zurückreichen.

Abhängig von Bauherren und zuständigen Genehmigungsbehörden finden sich etwa bei öffentlichen bzw. öffentlich geförderten Gebäuden in Landtags- und Gemeinderatsakten oder in Akten der zuständigen Ministerien und bei genossenschaftlichen Bauten in Akten der jeweiligen Baugesellschaften Hinweise auf Planungs- und Bauausführung.

Neben dem Aktenbestand bilden Druckschriften das umfangreichste Material zur Architektur des 20. Jahrhunderts. Im Verlauf der 1920er Jahre, ausgehend von der prosperierenden Baukonjunktur dieser Zeit, ist eine auffallende Zunahme von Büchern (erstmalig auch werbende Architektenmonographien), Zeitschriften und Fest- und Firmenschriften zu bemerken, die sich den Themenbereichen Architektur, Städtebau, Raumkunst, Wohnungswesen, Bautechnik und einzelnen Bauaufgaben widmeten. Hinzu kam eine Vielzahl weiterer unterschiedlicher Veröffentlichungs- und Vermittlungsformen, wie Rundfunk, Fernsehen, Tagespresse, Kongresse oder Bauausstellungen.

Bauzeitschriften wurden mit zunehmender Verbreitung seit dem 19. Jahrhundert ein bedeutendes Medium der Architekturvermittlung. Sie dienten der Darstellung neuer Konstruktionsmethoden und -materialien, stellten Bauprojekte vor, informierten über Wettbewerbe und entwickelten sich zu einem entscheidenden Instrument zur Verbreitung und Diskussion neuer künstlerischer Ideen, Programme und Manifeste. Oftmals hilft eine kritische Befragung der theoretischen Schriften bei einer Annäherung an die Architektur und zu einem Verständnis der Bauten.

Zu Fragen des Materials, der Konstruktion und der Gebäudetechnik sind zeitgenössische Publikationen ebenso entscheidend. Mit der Entwicklung eines öffentlich geförderten Wohnungsbaus nach dem Ersten Weltkrieg entstand eine Vielzahl von Bauausschüssen und -vereinen, die sich Fragen des wirtschaftlichen Bauens, wie Baubetrieb, Bautechnik, Rationalisierung und Industrialisierung widmeten. Die Mitteilungen, Tätigkeitsberichte und Baufachbücher des Deutschen Ausschusses für wirtschaftliches Bauen (1920-1933), der Reichsforschungsgesellschaft für Wirtschaftlichkeit im Bau- und Wohnungswesen (1927-1932) und schließlich der Deutschen Akademie für Bauforschung (1934-1945) bieten wesentliche Erkenntnisse über die Entwicklung des Bauens in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Bereits 1917 entstand der Normenausschuss der deutschen Industrie, auf den die organisierte Normung, die so genannte Deutschen Industrienorm (DIN), zurückgeht und zu dem auch ein Unterausschuss für die Normung im Bauwesen gehörte. Allein bis zum Beginn der 1930er Jahre wurden etwa 100 Baunormen verabschiedet und publiziert.

Die seit dem Wirtschaftsboom der Gründerzeit zunehmende Industriewerbung war vielfach mit Fachinformationen verknüpft. Eigenständige Firmenkataloge, Musterbücher, selbst gewerbliche Anzeigen in Bauzeitschriften beinhalten häufig detaillierte Produkt- und Baustoffbeschreibungen. Zu einzelnen Produkten, Konstruktionssystemen oder Technologien liegen mittlerweile eigenständige neuere Untersuchungen vor.

Für die Recherche nach Bauherren, Eigentümern und Mietern, aber auch nach Industrie- und Wirtschaftsunternehmen, nach Behörden und Institutionen, bieten gedruckte Adress- und Anschriftenbücher, die seit der Mitte des 19. Jahrhunderts als Vorläufer heutiger Telefon- und Branchenbücher entstanden, wertvolle Hinweise.

Einen Einblick in die Vielfältigkeit von Fotoretuschen bietet: Rosemarie Wesp: Der Autor und sein Produzent – Die Geschichte von vier Blauen Büchern, in: KonTEXTe. Walter Müller-Wulkow und die deutsche Architektur von 1900–1930, hrsg. von Gerd Kuhn, Königstein im Taunus 1999, S. 13 46; bes. S. 31ff.; Zur Bildbearbeitung im Verlag 1925-1930, in: Walter Müller-Wulkow: Architektur 1900–1930 in Deutschland, Reprint 1999 der vier Blauen Bücher, hrsg. von Hans-Curt Köster, Königstein im Taunus 1999, S. 59-114. Zur Bewertung nachcolorierter Fotografien und tatsächlicher Originalbefunden siehe: Klaus-Jürgen Winkler / Gerhard Oschmann: Das Gropius-Zimmer. Geschichte und Rekonstruktion des Direktorenarbeitsraumes am Staatlichen Bauhaus in Weimar 1923/24, Weimar 1999.

Ein Beispiel für die Möglichkeit, durch Zeitzeugenbefragungen wesentliche Informationen zu erhalten, ist die dreiteilige Dokumentarfilmserie des Westdeutschen Rundfunks über das Neue Frankfurt unter der Regie von Jonas Geist und Joachim Krausse: “Neues Wohnen, neues Bauen“, „Die Frankfurter Küche“, „Die Wohnung für das Existenzminimum“. Wie sehr die Beschreibung des Wohnens durch die Nutzer auch eine Beschreibung der Architektur offenbart, zeigt Daniela Hammer-Tugendhat: Leben in Haus Tugenthat, in: Dies./ Wolf Tegethoff: Ludwig Mies van der Rohe. Das Haus Tugendhat, S. 11-33, Wien 1998.

Für einen Überblick über die Fülle der Architekturliteratur der 1920er Jahre ist hervorragend geeignet: Roland Jaeger: Neue Werkkunst. Architekturmonographien der zwanziger Jahre. Mit einer Basis-Bibliographie deutschsprachiger Architekturpublikationen 1918-1933, Berlin 1998. Einen Überblick über die wesentlichen Bauzeitschriften Anfang des 20. Jahrhunderts gibt Rolf Fuhlrott: Deutschsprachige Architektur-Zeitschriften. Entstehung und Entwicklung der Fachzeitschriften für Architektur in der Zeit von 1789 und 1918, München 1975. Eine kommentierte Sammlung von Originaltexten aus programmatischen Architektur- und Kunstzeitschriften findet sich in: Die Zeitschrift als Manifest. Aufsätze zu architektonischen Strömungen im 20. Jahrhundert, hrsg. von Annette Ciré und Haila Ochs, Basel/Berlin/Boston 1991. Ein Beispiel für die ertragreiche Auswertung verschiedenster Zeitschriften unter besonderer Berücksichtigung der Zeitschrift „Stein Holz Eisen“ nach Konstruktions- und Bautechniken findet sich in: Baukonstruktion der Moderne aus heutiger Sicht, Hrsg. Rolf Schaal, Stephan Pfister, Giovanni Scheibler, 4 Bde., Basel / Boston / Berlin 1990.

Zu den theoretischen Schriften seien hier nur einige Überblickswerke genannt: Ulrich Conrads: Programme und Manifeste zur Architektur des 20. Jahrhunderts (Ullstein Bauwelt Fundamente 1), Frankfurt am Main / Wien 1964; Architekturtheorie im 20. Jahrhundert. Eine kritische Anthologie, hrsg. von Ákos Moravánszky, Wien/New York 2003; Architekturtheorie 20. Jahrhundert. Positionen, Programme, Manifeste, hrsg. und kommentiert von Vittorio Magnago Lampugnani, Ruth Hanisch, Ulrich Maximilian Schumann und Wolfgang Sonne, Ostfildern-Ruit 2004.

Zur Entwicklung der Bauforschung siehe: Wolfgang Triebel: Geschichte der Bauforschung. Die Forschung für das Bau- und Wohnungswesen in Deutschland, Hannover 1983. Eine Auswertung der Arbeit der Reichsforschungsgesellschaft, besonders ihren Schriften findet sich bei Sigurd Fleckner: Reichsforschungsgesellschaft für Wirtschaftlichkeit im Bau- und Wohnungswesen 1927-1932, Entwicklung und Scheitern, Aachen 1993. Zur Gründung des Unterausschusses für Baunormen vgl. den Bericht von Walther Curt Behrendt: Normen im Bauwesen, in: Deutscher Werkbund, Mitteilungen 3 (1918), S. 4-9. Eine führende Rolle bei der Durchsetzung von Normierung und Industrialisierung im Bauwesens hatte das Buch von Ernst Neufert: Bauentwurfslehre, Berlin 11936, dessen Herausgabe vom deutschen Normenausschuss unterstützt wurde.

Zu Musterbüchern und Vorlagenwerken des 20. Jahrhunderts siehe Dietrich Schneider-Henn: Ornament und Dekoration. Vorlagenwerke und Motivsammlungen des 19. und 20. Jahrhunderts, München/New York 1997. Zu Firmenkatalogen hier nur beispielhaft: Heraklith – Auswahl ausgeführter Heraklithbauten, Erzeugerfirma und Patentinhaberin von Heraklith: Österreichisch Amerikanischer Magnesit-Aktiengesellschaft, Radentheim, Kärnten (Wien ca. 1927). Zur Auswertung eines einzelnen Produktes: Harald Wetzel: Auf der Suche nach dem Gropius-Drücker, hrsg. vom Designzentrum Sachsen-Anhalt, Dessau 1995.

Der Untersuchung der verwendeten Baustoffe in der Architektur des 20. Jahrhunderts wird erst neuerdings zunehmend mehr Beachtung geschenkt. Gute Zusammenfassungen zu jeweils einzelnen Baustoffen bieten u.a. Gerhard Kaldewei: Linoleum. Geschichte, Design, Architektur 1882-2000, Ostfildern-Ruit 2000; Eternit Schweiz. Architektur und Firmenkultur seit 1903, Zürich 2003. Zu den Ergebnissen eines Forschungsprojektes zu Architekturoberflächen der Klassischen Moderne in Verbindung von Baubefunden und Quellenrecherche: Bettina Lietz / Monika Markgraf: Architekturoberflächen. Bauhausbauten Dessau – Fußböden, Dessau 2004. Lexikalische Überblicke findet man in: Twentieth-century Building Materials. History and conservation, ed. by Thomas C. Jester, Washington, D.C. 1995. Zu der Vielfalt der Ideen und den Protektoren der Vorfertigung in Bauwirtschaft und Fachwelt einschließlich Produkt- und Firmenerläuterungen siehe Kurt Junghanns: Das Haus für Alle. Zur Geschichte der Vorfertigung in Deutschland, Berlin 1994.

Eine Übersicht über die Inhalte der Adressbücher findet sich erstmals im „Adreßbuch der deutschen Adreßbücher“, Berlin 1922 und wird bis heute durch den Verband deutscher Auskunfts- und Verzeichnismedien e.V. fortgeführt. Vgl. dazu auch Werner Heegewaldt / Peter P. Rohrlach: Berliner Adressbücher und Adressenverzeichnisse 1704-1945. Eine annotierte Bibliographie mit Standortnachweis für die „ungeteilte“ Stadt, Berlin 1990.

III.

Über einen bedeutenden und leicht zugänglichen Quellenbestand verfügen die Bauaktenarchive der Städte, Kreise und Gemeinden. Kommunale Bauakten gibt es seit dem 19. Jahrhundert, entsprechend der unterschiedlichen Rechtslage der früher selbständigen Länder beginnen diese zwischen 1820 und 1900. Es gibt keine einheitliche gesetzliche Grundlage über den Ort der Aufbewahrung – ob in den Registraturen städtischen Bauverwaltung oder in den kommunalen Archiven. Häufig wurden Aktenbestände ab 1900 oder ab 1945, teilweise auch nach einer Zeitspanne von etwa 30 Jahren an die jeweiligen Archiven übergeben. Partiell gelangt auch nur der Aktenbestand jeweils abgebrochener Gebäude in die Archive.

Die Bestände der Stadt- bzw. Kreisarchive enthalten neben den Bauakten häufig zusätzliches Material wie Personenakten, Firmennachlässe, Foto- und Postkartensammlungen. Auf kommunaler Ebene sind gegebenenfalls Archive von Stadtwerken, Garten-, Hoch- und Tiefbauämtern zu berücksichtigen.

Zum Aktenbestand sind auch die Registraturen von Denkmalämtern, staatlichen Bauverwaltungen, Kirchenverwaltungen, Baugesellschaften und -genossenschaften zu zählen, jene Behörden und Vereinigungen in deren Auftrag nicht nur genehmigt und gebaut, sondern auch umgebaut oder begutachtet wurde.

Archivgut des Deutschen Reiches, der Bundesrepublik und der ehemaligen DDR befindet sich im Bundesarchiv in Koblenz bzw. in dessen Außenstelle in Berlin-Lichterfelde (dort unter anderem die Bestände des ehemaligen Zentralen Staatsarchivs der DDR sowie der Nachlass der Bauakademie der DDR). In den regionalen Staatsarchiven finden sich das Schriftgut der ehemals selbständigen Länder und ihrer Behörden und damit auch Unterlagen zu Bauaufgaben, die im Auftrag bzw. unter Beteiligung des jeweiligen Landes durchgeführt wurden.

Spezielle Architekturarchive sind zumeist Museen, Kulturinstitutionen und Universitäten angegliedert. Exemplarisch sind zu nennen das Archiv des Deutschen Werkbunds Berlin ebenso wie die Bauhaus-Archive in Berlin und Dessau, die neben Werkstattarbeiten, Architekturplänen und -modellen auch Dokumenten-, Fotoarchive und verschiedene Architektennachlässe betreuen. Im Berliner Bauhaus-Archiv befindet sich darüber hinaus eine Sammlung von Firmenschriften und Verkaufskatalogen aus verschiedenen Bereichen der industriellen Gestaltung. Die Sammlung des Deutschen Architekturmuseums Frankfurt besitzt neben einer umfangreichen Modellsammlung auch bedeutende Nachlässe von Architekten des 20. Jahrhunderts. Zu den Beständen der Stiftung Archiv der Akademie der Künste in Berlin gehören ein Baukunstarchiv und ein Film- und Fotoarchiv.

Die Architekturlehre und -forschung an den Universitäten wurde oft von einer regen Sammeltätigkeit begleitet. So hat beispielsweise das Institut für Geschichte und Theorie der Architektur (gta) der ETH Zürich mit dem Grundstock des Semper-Archivs das Architekturarchiv „Archiv gta“ aufgebaut, welches vornehmlich Nachlässe und Archive von überwiegend Schweizer Architekten und das CIAM-Archiv (Congrès International d’Architecture Moderne) verwaltet. Die TU München besitzt mit dem ursprünglich als Lehrsammlung entstandenen Architekturmuseum mittlerweile eine umfassende wissenschaftliche Spezialsammlung mit zahlreichen Architektennachlässen. Die Plansammlung der TU Berlin hat ihren Schwerpunkt in Architekturzeichnungen überwiegend preußischer Architekten des 19. Jahrhunderts, verwahrt aber auch Nachlässe bzw. Teilbestände von Architekten des 20. Jahrhunderts, das Südwestdeutsche Archiv für Architektur- und Ingenieurbau an der Universität Karlsruhe (SAAI) sammelt schwerpunktmäßig Material zur Architektur des 20. Jahrhunderts in Südwestdeutschland.

Besonders Nachlässe deutscher Architekten, die während des Nationalsozialismus emigrieren mussten, befinden sich in entsprechenden ausländischen Archiven, Museen oder Institutionen. Teile von Nachlässen, insbesondere Briefe, Fotos oder auch einzelne Pläne können noch in Privatbesitz früherer Bauherren, Nutzer oder Büromitarbeiter sein.

Unter den speziellen Bildarchiven und fotografischen Sammlungen mit Schwerpunkt Architektur zählt Foto Marburg als Deutsches Dokumentationszentrum für Kunstgeschichte zu den größten Bildarchiven zur europäischen Kunst und Architektur. Foto Marburg kooperiert zudem mit anderen Bildarchiven, Museen, Denkmalämtern und Universitäten, deren Bestände in einem Bildindex zusammengefasst sind. Die Medienarchive der Landesbildstellen bzw. -medienzentren besitzen landesbezogene Foto-, Film- und Tonarchive. Hinzu kommen weitere fotografische Sammlungen zum Thema Architektur, wie die Berlinische Galerie oder etwa das Bildarchiv zu Berliner Bauten der Nachkriegsmoderne. Die wichtigsten Bildarchive und -agenturen sind Mitglied im Bundesverband der Pressebild-Agenturen und Bildarchive e.V. (BVPA).

Film- und Tondokumente lassen sich zum einen in der Stiftung Deutsches Rundfunkarchiv recherchieren. Die Stiftung vereint an ihren unterschiedlichen Standorten in Wiesbaden, Potsdam-Babelsberg und Frankfurt/Main Bild-, Ton- und Schriftdokumente der Rundfunkanstalten vom Ende des 19. Jahrhunderts bis in die Gegenwart. Zum anderen befindet sich in der Abteilung Filmarchiv des Bundesarchivs mit Sitz in Berlin eine nahezu vollständige Sammlung der deutschen Filmproduktion.

Für die Recherche von Firmen und Produkten eignen sich Wirtschaftsarchive und Technikmuseen. Umfang, Bedeutung und Zustand der einzelnen Archive können sehr unterschiedlich sein. Viele Bestände kleinerer Firmen sind durch Kriegsverlust oder nach Konkurs unwiederbringlich vernichtet. Verstärkt seit den 1960er Jahren wurden auf Initiative der Industrie- und Handelskammern regionale Wirtschaftsarchive gegründet. Größere Unternehmen führen oftmals eigene Firmenarchive. Deren Bestände sind zum Teil auch in Museen oder anderen Sammlungen erhalten geblieben. So befinden sich beispielsweise das Junkers-Archiv im Deutschen Museum München und das Fagus-Werksarchiv im Bauhausarchiv Berlin. Das Deutsche Museum München bietet neben Archiven von Firmen auch eine umfangreiche Sammlung an Firmenschriften.

Hilfreich für die Baustoff- und Produktrecherche können Patent- und Gebrauchsmusteranmeldungen sein, die bis 1870 zurückreichen und zentral am Deutschen Patentamt in München erfasst werden. Für die Patentrecherchen empfiehlt sich eine fachliche Anleitung durch Patentinformationszentren bzw. eingesetzte Patentberichterstatter.

In jüngerer Zeit wenden sich auch Baustoff- und Materialsammlungen dem 20. Jahrhundert zu. Das Bauarchiv Thierhaupten des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege etwa archiviert zunehmend auch Bauteile aus Objekten des 20. Jahrhunderts. Das neu entstandene Bauforschungsarchiv am Bauhaus Dessau sammelt Bauteile und Baumaterialien der Bauhausbauten wie auch anderer Bauten der klassischen Moderne.

Mittlerweile verfügen nahezu sämtliche Archive, Sammlungen und die anderen vorgestellten Institutionen über Internetpräsenzen, über die auf Bestandskataloge oder zumindest Bereiche davon zugegriffen werden kann. In jedem Fall lohnt es, die Recherche im Internet zu beginnen, um sich einen Überblick zu verschaffen. Die Archivschule Marburg bietet auf ihrer Webseite (www.archivschule.de) eine umfassende Verlinkung zu allen im Internet vertretenen Archiven in Deutschland an. Über die Seite des Bundesverbandes der Pressebild-Agenturen und Bildarchive e.V. (www.bvpa.org) erreicht man alle online-vertretenen Bildarchive und -agenturen.

Als allgemeine Einführung in die Benutzung von Archiven: Franz, Eckhard G.: Einführung in die Archivkunde, Darmstadt 41993; speziell zur Bedeutung von Bauakten: Hans H. Hanke: Quellenwert von Bauordnungsakten aus der Sicht der Denkmalpflege, in: Archivpflege in Westfalen und Lippe 36 (1992), S. 10-16.

Es gibt eine Vielzahl an Archivführern; als Wegweiser seien hier genannt: Archive in der Bundesrepublik Deutschland, Österreich und der Schweiz, CD 2004 (Archivdatenbank); Deutsche Wirtschaftsarchive. Nachweis historischer Quellen in Unternehmen, Kammern und Verbänden der Bundesrepublik Deutschland, 3 Bde., Stuttgart 1988-91 (vermerkt Adressen, Bestände und Laufzeiten); Handbuch der Pressearchive, hrsg. von Hans Bohrmann und Marianne Englert, München 1984. Susanne Pollert: Film- und Fernseharchive. Bewahrung und Erschließung audiovisueller Quellen in der Bundesrepublik Deutschland, Potsdam 1996.

Zu einzelnen Archivbeständen hier nur beispielhaft: Bauhaus-Archiv Berlin. Museum für Gestaltung. Die Sammlung, Berlin 1999; Wilhelm Füßl / Eva A. Mayring: Eine Schatzkammer stellt sich vor. Das Archiv des Deutschen Museums zu Naturwissenschaft und Technik, München 1994; Die Bestände der Stiftung Archiv der Akademie der Künste Berlin, Berlin 2003; Monika Markgraf / Andreas Schwarting: Bauforschungsarchiv Stiftung Bauhaus Dessau, Dessau 2002.

Firmenarchive sind bislang nur in seltenen Fällen publiziert worden, ein Beispiel dafür sind die Embru-Werke in der Schweiz: Peter Lepel, Oliver Spies: Über Möbel. Ein Streifzug durch das Archiv der Embru-Werke, 1928-1943, Rüti/Zürich 2001.

IV.

Jede Quellenrecherche erfordert eine kritische Bewertung des vorgefundenen Materials. Im Rahmen der Bauforschung sind hierfür die Feststellung der ursprünglichen Zweckbestimmung der Quellen, das Gegenüberstellen der Materialien und – unabdingbar immer – ein Vergleich mit dem vorhandenen Baubestand wesentliche Aspekte.

Quellenforschung sollte als Teil der historischen Bauforschung bei einer denkmalpflegerischen Instandsetzung nicht nur vorbereitender sondern auch baubegleitender Teil der Baumaßnahme sein. Dies ermöglicht einerseits, die Ergebnisse der Recherche immer wieder an den aufgedeckten Baubefunden neu zu überprüfen und andererseits, auf neue Erkenntnisse oder Fragestellungen mit weiteren Recherchen bzw. Materialbearbeitungen zu reagieren.

Bei größeren Projekten hat sich deshalb das Anlegen einer Übersicht der kontaktierten Archive, Institutionen und Personen bewährt, die neben Adressdaten, auch den Bearbeitungsstand und Informationen zum jeweils vorhandenen Material enthält. Für alle objektrelevanten Akten empfiehlt sich weiterhin die Aufstellung eines Findbuches, für die Erschließung der Fotos und Pläne die Einrichtung einer Datenbank, zumindest aber eines tabellarischen Verzeichnisses, um Informationen zu den Einzelstücken aufzunehmen und ein Widerauffinden zu erleichtern.

Die inhaltliche Aufarbeitung des Materials erfolgt entsprechend den für die historische Bauforschung wesentlichen Fragestellungen. Darzustellen sind, soweit aus dem Material zu rekonstruieren, Ideen-, Entwurfs-, Bau-, Nutzungs- und Veränderungsgeschichte, Erkenntnisse zu Ausstattung und Einrichtung, zu Konstruktion, Baustoffen und verwendeten Produkten sowie zu Umbau- und Reparaturmaßnahmen.

Neben der schriftlichen Ausarbeitung können Plankartierungen und die Nutzung digitaler Techniken, etwa die Plan- und Bildentzerrung, wichtige Erkenntnisse bieten.

Die in der historischen Bauforschung üblichen Bauphasenpläne können mit Hilfe des überlieferten Planmaterials durch Grundrissentwicklungspläne und Verlustpläne komplettiert werden. Während Bauphasenpläne eine Bauzeitenkartierung anhand des aktuellen Baubestandes beinhalten und damit wesentlich auf Grundlage von Bauaufnahme und Untersuchungen vor Ort beruhen, werden Grundrissentwicklungspläne und Verlustpläne überwiegend aus den Ergebnissen der Quellenrecherche entwickelt.

In Grundrissentwicklungsplänen werden alle Planbestände von der Bauausführung bis zu den jüngsten Umbaumaßnahmen zusammengetragen und jeweilige Veränderungen gegenüber dem Vorzustand hervorgehoben. Die tatsächliche Ausführung ist, soweit möglich, am Baubestand bzw. an überlieferten Fotos zu überprüfen und entsprechend zu vermerken. Zuweilen helfen eine digitale Entzerrung der historischen Pläne und ihre Überlagerung mit aktuellen Bauaufnahmen, um das tatsächliche Ausmaß der Veränderungen zu ermitteln.

Verlustpläne, gewissermaßen negative Bauphasenpläne, können als Ergebnis der vorher beschriebenen Plankartierungen entstehen. Plangrundlage bilden die recherchierten bauzeitlichen Ausführungspläne. In diese werden, durch Farben zeitlich differenziert, die Verluste an der Ursprungssubstanz kartiert. Verlustpläne verdeutlichen anschaulich den späteren Umgang mit dem Ursprungsbau. [Abb. 2]

 Abbildung 2 Stuttgart, Weißenhofsiedlung, Doppelhaus Le Corbusier / Pierre Jeanneret. Verlustpläne.

Abbildung 2: Stuttgart, Weißenhofsiedlung, Doppelhaus Le Corbusier / Pierre Jeanneret. Verlustpläne.

Um die Bedeutung bauzeitlicher Details, die aufgrund späterer Veränderungen oftmals nur noch durch historische Fotografien belegbar sind, erkennbar zu machen, eignen sich Entzerrungen und Überlagerungen der historischen Fotos mit aktuellen Bauaufnahmen. [Abb. 3] Dadurch werden direkte maßliche Vergleiche möglich. Zudem können damit Befunduntersuchungen vor Ort präzise vorbestimmt werden.

Quellenrecherche, Bestandsdokumentation und Untersuchungen am Objekt bedingen einander. Nur in der Zusammenschau sind neue Erkenntnisse und grundlegende Bewertungen für denkmalpflegerische Maßnahmen möglich.

Abbildung 3 a, b, c: Stuttgart, Weißenhofsiedlung, Doppelhaus Le Corbusier / Pierre Jeanneret. Entzerrung und Überlagerung eines Fotos von 1927 mit der Bauaufnahme von 2003. Durch den nachträglichen Einbau eines Kellers (1932/33) hat sich das Niveau der Erdgeschossterrasse erhöht (Schraffur).

Abbildung 3 a, b, c: Stuttgart, Weißenhofsiedlung, Doppelhaus Le Corbusier / Pierre Jeanneret. Entzerrung und Überlagerung eines Fotos von 1927 mit der Bauaufnahme von 2003. Durch den nachträglichen Einbau eines Kellers (1932/33) hat sich das Niveau der Erdgeschossterrasse erhöht (Schraffur).

Instandsetzungen von Objekten des 20. Jahrhunderts, die von einer umfangreichen Quellenrecherche und -aufarbeitung begleitet wurden sind unter anderem publiziert in: Ueli Marbach / Arthur Rüegg: Werkbundsiedlung Neubühl in Zürich-Wollishofen 1928-1932. Ihre Entstehung und Erneuerung, Zürich 1990; Arthur Rüegg: Ein Hauptwerk des Neuen Bauens in Zürich. Die Doldertalhäuser 1932-1936, Zürich 1996; Monika Markgraf: Das Bauhaus als Kulturdenkmal. Bauforschung, Instandsetzung, Weiternutzung, in: Das öffentliche Denkmal. Denkmalpflege zwischen Fachdisziplin und gesellschaftlichen Erwartungen. Arbeitskreis Theorie und Lehre der Denkmalpflege e.V., Dresden 2004, S. 78-85. Beispielhaft für Möglichkeiten und Notwendigkeiten umfangreicher Voruntersuchungen, besonders auch den Quellenbestandes sind die Dokumentationsbände „Baudenkmale der Moderne“ der Wüstenrot Stiftung: Mendelsohn. Der Einsteinturm. Die Geschichte einer Instandsetzung, hrsg. von Norbert Huse, Stuttgart 2000; Scharoun. Haus Schminke. Die Geschichte einer Instandsetzung, hrsg. von Berthold Burkhardt, Stuttgart 2002; Gropius. Meisterhäuser Muche/Schlemmer. Die Geschichte einer Instandsetzung, hrsg. von August Gebeßler, Stuttgart 2003; Le Corbusier / Pierre Jeanneret. Doppelhaus Weißenhofsiedlung Stuttgart, hrsg. von der Wüstenrot Stiftung, Stuttgart 2006.

Für wichtige Hinweise und Hilfestellungen danke ich Monika Markgraf, Stiftung Bauhaus Dessau; Joachim J. Halbekann und Iris Sonnenstuhl-Fekete, Stadtarchiv Esslingen; Burkhard Körner, Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege München und Florian Heyer, Leinfelden.

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Abbildungsverzeichnis

Abb. 1a, b
Getreidesilo in Worms, Originalaufnahme und Retusche 1925.
Bildnachweis:
Zur Bildbearbeitung im Verlag 1925-1930, in: Walter Müller-Wulkow: Architektur 1900–1930 in Deutschland, Reprint 1999 der vier Blauen Bücher, hrsg. von Hans-Curt Köster, Königstein im Taunus 1999, S. 66f.

Abb. 2
Stuttgart, Weißenhofsiedlung, Doppelhaus Le Corbusier / Pierre Jeanneret. Verlustpläne.
Bildnachweis:
Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg im Regierungspräsidium Stuttgart

Abb. 3
Stuttgart, Weißenhofsiedlung, Doppelhaus Le Corbusier / Pierre Jeanneret. Entzerrung und Überlagerung eines Fotos von 1927 mit der Bauaufnahme von 2003. Durch den nachträglichen Einbau eines Kellers (1932/33) hat sich das Niveau der Erdgeschossterrasse erhöht (Schraffur).
Bildnachweis:
Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg im Regierungspräsidium Stuttgart

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